Der gesichtslose Vater

Theologie

„Von daher macht es mir Sorgen, wenn bei der 2023 veröffentlichten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung die Zustimmung der Befragten zur Aussage: ‚Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat‘ im Vergleich zu vorherigen Befragungen dramatisch gesunken ist. Unter den katholischen Kirchenmitgliedern bejahen heute 32 Prozent diese Aussage.“ schreibt in seinem Fastenbrief Bischof Dr. Georg Bätzing.

In seiner Sorge irrt der Bischof. Er klagt, beschwert sich und verurteilt wie ein an Demenz Erkrankter, der ringsherum alle beschuldigt, den Schlüssel geklaut zu haben. Er, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, vergisst in seiner Klage den Wandel in der Ikonographie, der das Christentum seit dem späten Mittelalter ergriffen hat und der dazu geführt hat, dass die Frage, warum sich Gott in Christus offenbaren sollte, sinnlos geworden ist. Denn er, der früher bildlose Gottvater, ist seit dem späten Mittelalter in der Darstellung zu dem Bildnis eines mächtigen, wohlgestalteten, bärtigen weißen Mannes verkommen. Und wenn Gottvater nicht anders aussieht als der pensionierte Vorstandsvorsitzende, der sich einen Bart hat wachsen lassen, ist die Frage nach seinem Sohn sinnlos, es sei denn, man möchte die frauenlose Sippschaft näher kennen lernen. Die ganze bildhafte patriarchale Wucht wirkt ebenso spannend wie die Aufmarsch ordensdekorierter Offiziere und niemand fragt sich, warum das hervorragend gealterte und ultravirile Abbild Gottes zu dem Zeitpunkt erscheint, als Geschütze, Portolankarten und Perspektive die Welt auf den Aufmarsch der Europäer vorbereiteten.

Ursprünglich durfte nicht eimal der Name Gottes, JHWE, ausgesprochen werden, geschweige denn ein Bild von ihm gemacht werden. Als zu römischer Zeit eine diffizilere und intellektuell spannendere Metaphysik entwickelt wurde, gab es tastende Schritte in Richtung der asiatischen Mystik. Schon bei Philon von Alexandria, der zu Lebzeiten Jesu lebte, kommt es zu einer immer stärker werdenden Unbegreiflichkeit der geistigen und metaphysischen Sphäre. Die hiesige Welt, das sinnlich und haptisch wahrnehmbare Leben, und das „Sein“, also Gott, rücken auseinander. Es bedarf der Vermittlungsinstanzen zwischen den Sphäre der Welt und dem „Sein“, also der Engel, des Logos und anderer Hypostasen. Was bei Philon von Alexandria noch wirr und ohne System erscheint wird bei dem metaphysischen Schwergewicht Plotin (205-270), dem Begründer des Neuplatonismus, zu einer zwingenden Analyse des Denkens, der Mystik und der Metaphysik. Plotin glaubte an die Reinkarnation und das Gedankengebäude, das er entwirft, hat frappierende Parallelen zu Hinduismus und Buddhismus. Plotin fragt sich, ob das Gewimmel der Gedanken, die ja immer etwas einem anderen zuordnen, also eine unterscheidbare Vielheit bilden, überhaupt in der Lage ist, das „Eine“, Gott, zu erfassen. Natürlich nicht, was zu erwarten war, und nun zieht Plotin die nächste Überraschung aus dem Ärmel: Das „Eine“ strahlt in die Welt aus und diese Emanation ist der Logos, der mehr ist als unsere Vernunft. Der Logos ist sozusagen die Anwesenheit des „Einen“ in der Vielheit. Die Notwendigkeit den Logos zu denken entspringt bei Plotin aus der Erkenntnis, dass es dem „Einen“ sonst unmöglich wäre, in sich Differenz und Vielheit zu haben.

Die zentrale Frage jeder Metaphysik ist wie sich das „Eine“ in die Vielheit vermittelt und darin unterscheiden sich alle Hochreligionen. Genau in diesem Bereich setzen die Unterschiede in der Theologie an, das waren die Fragen, die Jahrhunderte zwischen Christen, Juden und Muslimen debattiert wurden, ohne dass je eine Antwort gefunden wurde. Der Angelpunkt für alle Metaphysik bleibt dabei die Annahme des Gottes, des „Seins“, des „Einen“ oder des Brahman, des Nirwana. Worin sich die Religionen auch ähneln ist die Frage der unio mystica, der Schau, wenn alles Denken, alles Wissen und alle Bilder beiseite gelegt werden und der Bereich des Unsagbaren betreten wird. Als Erster im Mittelmeerraum wies Plotin aufgrund einer Analyse des rationalen Bewusstseins oder des Denkens auf den Weg einer mystischen Einung hin, die derjenigen der Buddhisten und Hindus ähnelt. Was Plotin aber vor allem tat, war eines, er lotete den Abgrund des Denkens aus, das aus sich heraus niemals den Raum betreten kann, in dem das Denken aufhört.

Das und nichts anderes ist das Fundament christlicher Metaphysik. Man muss immer die leere Kammer des Allerheiligsten im herodianischen Tempel vor Augen haben, den leeren Raum, der hinter dem Opferaltar war und nichts enthielt. Diese Leere ist auch die Leere des Denkens, die Metaphysik kann nichts anderes tun, als vorsichtig die Ränder der Zone abzugehen, die wir mit unserem Denken und unserer Imagination beschreiben können. Jenseits dieser Grenze ist nichts zu füllen, nichts abzubilden, die Frage ob Gottvater eher Mann oder doch mehr Frau sei, oder gar ein geschupptes Reptiloid, bleibt sinnlos wie der Versuch mit einem Löffel das Meer auszuschöpfen. Es ist vor allem auch eine Frage der Demut des Denkens, der Demut des Menschen, der zwar Computer programmieren kann und Flugzeuge baut, aber nicht weiß, ob es Wahrheit gibt und ob die Dinge wirklich sind.

Wenn der Graben zwischen dem Denken des Alltages und der Schau des Göttlichen sowie der Erkenntnis der Grenzen des Denkens zugeschüttet wird, wird im Alltag des Geredes der christlichen Verkündigung dem göttlichen Sohn die theologische Existenzberechtigung geflissentlich geraubt. Sicher, moralisch darf Jesus je nach Couleur des Predigers für Flüchtlinge oder eine Sexualethik, die sich an der Kinderschar misst, eintreten, aber jenseits dieses Appells hat die Predigt jegliche numinose Kraft verloren. Die Wortmaschine läuft und produziert Bilder, aber übersieht die Fragen, die mit dem Gedanken an das Nichts und das Verlöschen einhergehen. Für die Christen haben die Buddhisten und die Hindus eine Antwort, die Gestaltlosigkeit, von der wir in der theologia negativa nur sagen können, was sie nicht ist.

Zitat: HIRTENWORT 2025, Bischof Dr. Georg Bätzing. Bilder: Pompeo Batonio, Gott der Vater und der Heilige Geist, 1740 – 1743. Jan van Eyck und eventuell Hubert Van Eyck, Ausschnitt vom Genter Altar, wahrscheinlich 1432. Michelangelo Buonarroti, Ausschnitt von Die Erschaffung Adams, 1508 – 1512. Die Bilder sind Wikimedia entnommen.